Literaturrunde: Meine neue Freiheit

In der letzten Literaturrunde ging es um das Buch „Meine neue Freiheit: Von Kabul über den Laufsteg zu mir selbst“ von Zohre Esmaeli. Eine junge Frau, die mit ihrer Familie den großen Schritt in die Ungewissheit wagte, um das „Beautiful Germany“ zu erreichen.

Zohre Esmaeli ist vierzehn Jahre alt, als ihr Vater der Familie mitteilt, dass sie Afghanistan und Kabul verlassen, und die Flucht nach Deutschland („Beautiful Germany“ wie es die Flüchtlinge nennen) wagen. In ihrem Buch erzählt sie schonungslos, welche Schwierigkeiten sich ihnen auf der sechs Monate langen und anstrengenden Reise in den Weg stellen: Die engen Räume, in welchen die Flüchtlinge untergebracht werden, und die sie kaum verlassen können, da immer die Gefahr besteht entdeckt zu werden. Die sozialen Probleme die auftreten, wenn man auf wenige Quadratmeter eingezwängt mit anderen Familien leben muss. Man ist den Schleppern – „der Mafia“ wie Zohres Vater sie nennt – auf Gedeih und Verderben ausgeliefert.

Doch sie erzählt nicht nur von der Flucht aus Afghanistan, sondern auch von ihrer Flucht vor den immer strenger werdenden Regeln ihrer Familie, als sie dann endlich in Deutschland leben. Zohre flieht erneut, dieses Mal vor ihrer eigenen Familie, und versteckt sich bei ihrem damaligen Freund und dessen Eltern. Zur gleichen Zeit beginnt sie ihre Karriere als Model.

Man muss sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass diese Strapazen real sind, dass das keine Fiktion eines Autors ist!

In der Literaturrunde entstanden angeregte Diskussionen. Zuerst über die Behandlung der Frauen in Afghanistan. Für uns, die wir in einer gleichgestellten Gesellschaft aufgewachsen sind, ist es eine große Ungerechtigkeit, dass Frauen wie Zohre und ihre Stiefmutter nicht alleine nach draußen auf die Straße Kabuls durften und sie selbst in ihrem eigenen Heim sofort die Burka überziehen mussten, sobald Besuch an der Tür klopfte. Das Buch zeigt deutlich die kulturellen Unterschiede auf!

Ein weiterer großer Diskussionspunkt war das Verständnis des Freiheitsbegriffs. Zohre Esmaeli schreibt am Ende des Buches: „…es [ist] Zeit geworden, wirklich frei zu sein. Niemanden mehr zu brauchen…“ Doch ist es wirklich möglich glücklich zu sein, wenn man sich von jeder Person lossagt? Wenn man Freiheit so definiert, dass man an nichts und niemanden gebunden sein will?

Jeder muss selbst wissen wie weit er gehen will, bis er sich als frei bezeichnen kann. Auch wenn wir in der Literaturrunde zu dem Schluss gekommen sind, dass eine Freiheit, wie Zohre sie für sich definiert, nicht unser Verständnis davon trifft, scheint das international anerkannte Model ihre persönliche Freiheit gefunden zu haben.

„Meine neue Freiheit: Von Kabul über den Laufsteg zu mir selbst“ ist auf alle Fälle ein interessantes Buch, das gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Flüchtlingsthemas einen eindrucksvollen Einblick in das Leben auf der Flucht gibt. Zusätzlich regt es dazu an, sich selbst Gedanken darüber zu machen, wie man Freiheit für sich selbst definiert und ob sie, wie für Zohre Esmaeli, über allem anderen steht.

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3 Kommentare
  • Anna Zeller
    29. September 2015

    Mit Sicherheit die diskussionsreichste Literaturrunde, die ich bisher erlebt habe. Wohl auch, weil das Thema „Flüchtlinge“ in Europa momentan eine sehr große Rolle spielt. Solche Literaturrunden machen Spaß! Und regen zum Nachdenken an.

  • Sabine Gutekunst
    2. Oktober 2015

    Danke für den Bericht zu dem Buch. Freut mich sehr, dass Sie eine so spannende Literaturrunde hatten. Bin gespannt auf das nächste Buch.
    Viele Grüße Sabine Gutekunst

  • Friedrich Springob
    9. November 2015

    Ich freue mich an der Literaturrunde und der angeregten Diskussion. Das ist für mich auch nicht zuletzt Sinn und Zweck der Literaturrunde. Dass die Diskussion – über das Buch hinaus – uns anregt, über unser Leben, die Welt und unsere Position darin nachzudenken.